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Mechanisches Zahlenschloß - vom Altertum zur Neuzeit.

Mechanisches Zahlenschloß - vom Altertum zur Neuzeit.

Dieses TresorPEDIA widmet sich dem Thema mechanisches Zahlenschloß vom Altertum zur Neuzeit.

Zahlenschlösser gibt es bereits seit dem Altertum, und es ist nicht genau belegt, wem dieses Prinzip zuzuschreiben ist. Die Zahlenscheiben waren fixiert und an einer bestimmten Stelle befand sich eine Öffnung, die einem auf den Scheiben aufliegenden Einfallfinger, der mit einem Schließriegel verbunden war, ein Einrasten ermöglichte. Man musste das Zahlenrad nur solange bewegen, bis sich der Einfallfinger über der Öffnung befand, zog dann den Schließriegel auf öffnete so das Schloß.

Einen ganz einfachen Mechanismus dieser Art findet man auch heute noch zuweilen bei günstigen Vorhängeschlössern oder Fahrradschlössern, auch meist mit einer 10er Rasterung.

Die Öffnungszahl war also eine von 10 Zahlen, zwischen 0 und 9. Etwas teurere Modelle haben bereits drei Zahlenringe, somit steigt die Zahl der möglichen Öffnungsvarianten auf 10x10x10 = 1000 mögliche Kombinationen, was natürlich schon nicht mehr ganz so einfach zu knacken ist, denn man benötigt dafür bedeutend mehr Zeit.

Dieser Ansatz war die Geburtsstunde des Dreischeiben-Zahlenschlosses.

In der Neuzeit nutzte wohl Theodor Kromer aus dem Breisgau die vorhandenen Techniken und erweiterte sie um Erkenntnisse aus dem Schwarzwälder Uhrenbau. Er entwickelte das Protectorschloß (Quelle: https://wiki.koksa.org/Kromer-Protector-Patente) in zahlreichen Varianten und verknüpfte auch klassische Uhrenaufzugstechnik mit Schließmechanismen, die in ihren Grundzügen bis heute erkennbar sind. Die Verdienste und die Kompetenz von Theodor Kromer in der Neu- und Weiterentwicklung von Schließtechniken sind unumstritten, und auch heute schmückt sich noch mancher mit seinem Namen, um jahrzehnte lange Kompetenz vorzutäuschen - soviel sei gesagt, die Firma hatte ihren Sitz ausschließlich im Badischen und produzierte auch keine Tresore (Quelle: aus einem Gespräch mit einem Mitarbeiter der Firma Lebtig, siehe unten).

Die Spuren der Firma Kromer Tresorschlösser verwaschen sich zu Beginn der 2000er, als die Firma Kromer vom Schweizer KABA-Konzern übernommen wird. Dort ist heute bspw. mit dem Novum TD noch ein historisch bedeutsames Zeitverzögerungsschloß aus der Kromer-Entwicklung erhältlich, das Schloß wurde der Sparte der ebenfalls übernommenen Firma MAUER zugeordnet (Quelle: https://www.dormakaba.com/de-de/produkte-loesungen/produkte/hochsicherheitsschloesser/mauer-mechanik/novum-td-398762). Ein anderer Teil der Firma Kromer ist in der Firma Lebtig Schließsysteme aufgegangen (Quelle: http://lebtig.com/products/), dort findet man noch die Original - Nachfolger der Entwicklungen von Theodor Kromer. Der Katalog aus dem Downloadbereich bietet hier interessante Einblicke in die aus den alten Ansätzen entwickelten modernen Schließsysteme.

Theodor Kromer integrierte einen verzahnten Mechanismus, den er zwischen zwei Blechscheiben packte, und kombinierte sie noch mit Federn aus der Uhrenfertigungspraxis. Dieses Sandwich diente zunächst dazu, die Mechanik an der gewünschten Stelle zu fixieren. Aber diese Mechanik konnte noch mehr.

Sie konnte damit den inneren Teil der Scheibe, welcher mit dem Zahlenknopf durch einen Splint fest fixiert war, von der Zahlenscheibe trennen. Diese Kupplung funktioniert ähnlich wie beim Automobil, der Vortrieb erfolgt nur dann, wenn eingekuppelt ist. Will man nun die Gänge wechseln, muss man die Kupplung betätigen und kann dann den Gang wechseln.

Beim mechanischen Dreischeiben-Zahlenschloß funkioniert das ähnlich. Nachdem man die drei Scheibenpakete an einer bestimmten Stelle deckungsgleich übereinander gebracht hat, kann man an einer Stelle einen "Umstellschlüssel" oder "Umstellaktivator" einstecken. Damit der nicht verrutscht, besitzt er eine kleine Nase am Ende, die wiederum durch eine kleine Bohrung im Boden des Schlossgehäuses justiert wird, oben wird der Umstellschlüssel durch ein Loch im Deckel geführt, was als Lager dient.

Das Drehen des Umstellschlüssels um eine viertel Umdrehung bewirkt den Kupplungseffekt, nämlich dass sich die beiden Teile des Scheibenpaketes, die vorher durch die Verzahnung zusammengehalten wurden, voneinander trennen. Wir merken das daran, dass wir beim Drehen des Umstellschlüssels immer gegen einen leichten federnden Widerstand drehen, dafür waren die Federn eingebaut.

Jetzt konnte der Nutzer die Stellung der Öffnung in der Zahlenscheibe verändern. Dies war die Geburtsstunde des vom Benutzer individuell umstellbaren mechanischen Zahlenschlosses, wie wir es heute kennen.

Jedes Scheibenpaket war mit einem Mitnehmer mit dem nächsten Scheibenpaket verbunden. Nach einer vollen Umdrehung kuppelte dieser Mitnehmer dann am Mitnehmer der nächsten Scheibe ein, und erst dann begann auch diese Scheibe, sich mitzudrehen. Da wir im modernen Dreischeiben-Zahlenschloß eben drei Scheibenpakete vorfinden, wird dann das letzte Scheibenpaket erst nach der zweiten vollen Umdrehung angesprochen und in der Drehung mitgenommen.

Dies erweitert sich um den Einrastvorgang des oben bereits kurz erwähnten Einfallfingers. Aus diesem Grund muss man zum Bedienen auch die erste Zahl 4x in einer Drehrichtung einstellen, und das sowohl beim "Programmieren" des Schlosses mit dem Umstellschlüssel, wie auch später im täglichen Gebrauch. Durch das Wechseln der Drehrichtungen und die abnehmende Zahl der Umdrehungen wird bewirkt, dass bereits richtig positionierte Scheiben nicht wieder durch den Mitnehmer angesprochen und dadurch wieder verworfen werden.

Größere Zahlenknöpfe ermöglichten zudem, dass der Zahlenraum nun von 00 bis 99 erweitert werden konnte. Diese 100 Zahlen bewirken beim Schloß mit drei Scheiben 100x100x100 = 1 Million verschiedener theoretischer Codemöglichkeiten.

Theoretisch deshalb, weil man in der Praxis davon ausgeht, dass ein Nutzer selten das Schloß hochpräzise bedient. Dieser Schludrigkeit folgend wird der Ausschnitt in den Scheibenpaketen so vergrößert, dass man sich eine gewisse Abweichung erlauben kann, und doch noch das Schloss öffnen kann.

Damit der Einfallfinger nicht beim Verschließen durch ein zu frühes Mitdrehen der dritten Zahlenscheibe eingeklemmt wird, gibt es eine großzügige "Tote Zone", in der die dritte Zahl nicht gewählt werden darf, oftmals im Bereich der Zahlen 00 bis 20.

Durch diese Einschränkung ergeben sich in der Praxis noch rund 440.000 echte Codevariationen, noch immer eine beeindruckende Zahl.

Schließtechnik soll stets einen einfachen Zugriff eines Unberechtigten auf fremdes Eigentum verhindern. Auch bei Tresoren und Schlössern gilt, der Schloßentwickler lernt von den Vorgehensweisen der Unberechtigten, und die Unberechtigten schauen sich an, was die Schloßentwickler eingebaut haben und wo man evtl. das System einfach überlisten kann.

Jeder rüstet also nach und passt sich den Erfahrungen mit den Vorgehensweisen der "Gegenseite" an.

Tresorhersteller und Schloßhersteller arbeiten hier Hand in Hand, darin einbezogen sind inzwischen Versicherer und deren Organisationen, wie bspw. der "VdS" in Köln als Dachverband der deutschen Sachversicherer (Quelle: https://vds.de/) oder die ehemalige Forschungs- und Prüfgemeinschaft für Geldschränke und Tresoranlagen e.V., kurz FuP genannt, aus der mittlerweile die  "European Certification Body GmbH" hervorgegangen ist (Quelle: https://www.ecb-s.de/_rubric/index.php?rubric=ECB-S+DE+Home). Die FuP wurde übrigens von einigen Mitgliedsfirmen (Tresorhersteller) vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, kurz VDMA, im Jahre 1967 gegründet.

Aus diesem "gegenseitig voneinander lernen" entwickelten sich die heutigen hochmodernen Schließsysteme, so wurden Schlösser mit noch einer zusätzlichen Scheibe entwickelt, Manipulationsversuchen wurden mit Abtastsperren in den Schlössern oder indirekten Antrieben begegnet oder es wurden Riegelstellungskontakte implementiert, die an Alarmeinrichtungen angebunden wurden und so bei offenem Schloß ein Scharfschalten der Einbruchmeldeanlage verhindern.

Dieser Prozess dauert bis heute an.

 

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Unser nächster TresorPEDIA wird sich mit der Weiterentwicklung der mechanischen Zahlenschlösser beschäftigen, sobald er fertig ist, sehen Sie hier ein Update mit einem Link: